Denkimpuls · Identitätsarbeit

Ist das noch Musiktherapie, wenn Jugendliche ein Musikstück lernen wollen?

Der Wunsch, ein bestimmtes Musikstück spielen zu können, kann mehr sein als ein musikalisches Lernziel: Vielleicht zeigt sich darin bereits eine mögliche Version des eigenen Selbst.

Manchmal frage ich mich in der Arbeit mit Jugendlichen, ob wir das Erlernen eines Musikstücks zu schnell als rein musikalischen Prozess betrachten.

Jugendliche wünschen sich oft nicht irgendein Stück. Sie wünschen sich genau dieses Stück:

Die Filmmusik, die sie seit Monaten hören. Den Klavierpart eines Lieblingssongs. Ein bestimmtes Gitarrenriff. Eine Melodie, die sie emotional berührt.

Mich beschäftigt dabei der Gedanke, dass die Sehnsucht, ein Musikstück spielen zu können, manchmal bereits eine Antwort enthält.

Denn wer sagt:

„Ich möchte dieses Stück können“,

sagt vielleicht zugleich:

„So möchte ich mich fühlen.“

„So möchte ich sein.“

„Zu dieser Welt möchte ich gehören.“

„Dieser Teil von mir soll größer werden.“

Das Musikstück als Identifikationsangebot

Gerade in der Jugend – einer Lebensphase intensiver Identitätsentwicklung – erscheint mir das interessant.

Das angestrebte Musikstück ist dann nicht nur ein Lernziel. Es wird zu einer Art Identifikationsangebot. Vielleicht ähnlich wie bestimmte Kleidungsstile, Medienfiguren oder Rollenbilder.

Das Erlernen eines Musikstücks wäre unter dieser Perspektive nicht nur ein pädagogischer Vorgang, sondern auch eine Form von Identitätsarbeit.

Man übt nicht ausschließlich eine Abfolge von Tönen. Man nähert sich schrittweise einer Version seiner selbst an, die man bereits erahnt, aber noch nicht ganz erreicht hat.

Fragen für die therapeutische Praxis

Wenn ein junger Mensch ein bestimmtes Stück lernen möchte, könnten wir neugierig werden:

  • Was bedeutet gerade dieses Stück für ihn oder sie?
  • Welche Stimmung, Haltung oder Lebenswelt ist damit verbunden?
  • Wer wäre die Person, die dieses Stück spielen kann?
  • Wie fühlt es sich an, dieser Person beim Üben schrittweise näherzukommen?
  • Was geschieht, wenn das Stück schwierig ist, misslingt oder plötzlich gelingt?
  • Welche Rolle soll ich dabei übernehmen: Lehrender, Begleiter, Mitspieler oder Zeuge?

Vielleicht liegt das Musiktherapeutische dann nicht allein darin, ob improvisiert oder ein bestehendes Stück gespielt wird.

Vielleicht liegt es darin, gemeinsam wahrzunehmen, welche persönliche Bewegung mit diesem musikalischen Wunsch verbunden ist.

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