Denkimpuls · Beziehung · Stundenbeginn
Warum Jugendliche „keine Ahnung“ sagen
„Keine Ahnung“ bedeutet nicht unbedingt, dass keine Gedanken vorhanden sind. Manchmal beschreibt der Satz weniger den Inhalt als die noch fehlende Sicherheit, sich zu zeigen.
„Keine Ahnung.“
Diesen Satz höre ich in der Musiktherapie vermutlich häufiger als jeden anderen.
Und manchmal bleibt es genau dabei.
45 Minuten lang.
Keine Ahnung.
Weiß nicht.
Egal.
Achselzucken.
Viele Kolleg:Innen kennen solche Situationen.
Die Versuchung ist dann groß, noch mehr Fragen zu stellen, ein Instrument hinzustellen oder ein Spiel anzubieten.
Doch oft passiert etwas Merkwürdiges:
Je mehr man versucht, das „Keine Ahnung“ zu überwinden, desto stabiler wird es.
Vielleicht geht es nicht um den Inhalt
Mit der Zeit habe ich gelernt, dass dieses „Keine Ahnung“ häufig keine Information über den Inhalt ist, sondern über die Sicherheit.
Der Jugendliche sagt nicht unbedingt:
„Ich habe keine Gedanken.“
Sondern vielleicht eher:
„Ich weiß noch nicht, ob ich mich hier zeigen will.“
„Ich weiß nicht, was mit meiner Antwort passiert.“
„Ich möchte noch nicht festgelegt werden.“
„Ich kann gerade selbst nicht erkennen, was in mir geschieht.“
Das „Keine Ahnung“ kann Schutz sein. Es kann Zeit verschaffen, Erwartungen abwehren oder verhindern, etwas sagen zu müssen, das sich noch nicht sagen lässt.
Nicht sofort eine Antwort herstellen
Deshalb frage ich mich in solchen Momenten weniger:
„Wie bekomme ich jetzt eine Antwort?“
Sondern:
„Wie kann ich die Situation so gestalten, dass überhaupt etwas entstehen kann?“
Manchmal bedeutet das, auf Fragen zu verzichten.
Manchmal bedeutet es Humor.
Manchmal eine absurde Aufgabe.
Manchmal ein Lieblingslied.
Manchmal einen Gaming-Soundtrack.
Und manchmal bedeutet es, gemeinsam auszuhalten, dass gerade nichts passiert.
Mögliche Zugänge
Statt nach einer Erklärung zu fragen, könnten kleine Angebote entstehen:
- „Wir müssen gerade nichts herausfinden.“
- „Soll ich drei völlig falsche Antworten erfinden?“
- „Gibt es einen Song, der genauso wenig Lust auf Fragen hat wie du?“
- „Wenn das Keine-Ahnung ein Geräusch wäre – wäre es eher laut oder leise?“
- „Wir können auch zwei Minuten lang testen, wie Nichtstun funktioniert.“
- „Du musst mir nichts erzählen. Wir können erst einmal schauen, was hier überhaupt aushaltbar ist.“
Nicht jedes Angebot wird angenommen. Auch das muss es nicht.
Interessanterweise entstehen die wichtigsten Momente oft nicht dann, wenn das „Keine Ahnung“ besiegt wird.
Sondern dann, wenn es plötzlich nicht mehr gebraucht wird.
