Denkimpuls · Selbstregulation · Musikalisches Spiel

Warum Wiederholung nicht langweilig ist

Wenn Jugendliche dieselben Akkorde, Beats oder Melodien wiederholen, muss das kein Stillstand sein. Wiederholung kann beruhigen, strukturieren und dabei helfen, etwas musikalisch wie innerlich anzueignen.

Viele Jugendliche spielen dieselben Muster immer wieder.

Die gleichen vier Akkorde.

Den gleichen Beat.

Die gleiche Melodie.

Ich habe schon Stunden erlebt, in denen die ersten Töne von „Für Elise“ gefühlt hundertmal hintereinander erklingen mussten.

Von außen kann das monoton wirken. Vielleicht entsteht sogar der Impuls, eine neue Idee anzubieten, das musikalische Material weiterzuentwickeln oder für mehr Abwechslung zu sorgen.

Aber Wiederholung hat häufig eine Funktion.

Sie beruhigt.

Sie strukturiert.

Sie macht etwas vorhersehbar.

Sie gibt Kontrolle.

Und manchmal „sättigt“ sie.

Wenn etwas Vertrautes bleiben darf

Eine musikalische Wiederholung stellt für einen Moment eine verlässliche Ordnung her.

Der nächste Ton ist bekannt. Der Ablauf überrascht nicht. Niemand verlangt eine originelle Idee. Es muss nichts erklärt und nichts entschieden werden.

Gerade wenn das innere Erleben unübersichtlich, angespannt oder schwer steuerbar ist, kann ein wiederkehrendes musikalisches Muster Halt geben.

Vielleicht geht es dabei zunächst gar nicht um musikalische Entwicklung. Vielleicht geht es darum, einen Zustand herzustellen, der erträglich, kontrollierbar oder sogar angenehm ist.

Das vermeintlich Immergleiche ist dann nicht leer. Es erfüllt eine Aufgabe.

Wiederholen heißt auch: sich etwas aneignen

Durch Wiederholung kann etwas allmählich zum Eigenen werden.

Ein Akkordwechsel wird vertrauter. Ein Rhythmus beginnt, sich im Körper sicher anzufühlen. Eine Melodie muss nicht mehr gesucht werden, sondern ist verfügbar.

Dabei verändert sich manchmal mehr, als von außen hörbar ist.

Die Töne bleiben gleich – aber das Erleben dieser Töne verändert sich.

Aus Unsicherheit kann Vertrautheit werden.

Aus Anstrengung kann Selbstverständlichkeit entstehen.

Aus einem musikalischen Fundstück kann etwas Eigenes werden.

Nicht jede Wiederholung sofort unterbrechen

In solchen Momenten frage ich mich weniger:

„Wie bekomme ich mehr Abwechslung in die Musik?“

Sondern eher:

„Was ermöglicht diese Wiederholung gerade?“

„Was würde passieren, wenn sie unterbrochen würde?“

„Braucht es überhaupt schon etwas Neues?“

Manchmal kann ich einfach mitgehen. Manchmal begleite ich das Muster sehr zurückhaltend. Manchmal verändere ich nur einen einzigen Ton oder lasse eine Pause entstehen.

Und manchmal ist es hilfreicher, gar nichts hinzuzufügen.

Fragen für die Praxis

  • Wirkt die Wiederholung beruhigend, konzentrierend oder eher angespannt?
  • Wird sie gemeinsam gespielt oder gegen Kontakt abgeschirmt?
  • Darf ich mich musikalisch beteiligen?
  • Wie reagiert der junge Mensch auf kleine Veränderungen?
  • Muss das Muster exakt gleich bleiben?
  • Entsteht irgendwann von selbst eine Pause oder eine Variation?
  • Woran wäre zu erkennen, dass die Wiederholung „genug“ geworden ist?

Manchmal entsteht Entwicklung nicht dadurch, dass sofort etwas Neues geschieht.

Sondern dadurch, dass etwas Vertrautes lange genug wiederholt werden darf.

So lange, bis es Sicherheit gibt.

So lange, bis es sich angeeignet anfühlt.

Oder so lange, bis aus dem Immergleichen von selbst eine erste kleine Veränderung entsteht.

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