Denkimpuls · Ressourcen · Leistungsdruck
Der „Ressourcenfluch“
Eine neu entdeckte Stärke kann Freude auslösen – aber auch zur nächsten Erwartung werden. Ressourcen bleiben eher geschützt, wenn Jugendliche selbst entscheiden dürfen, ob und wie sie diese nutzen.
„Siehst du? Das kannst du doch!“
Eigentlich ist das ein Kompliment.
Und trotzdem beginnt manchmal genau hier das Problem.
Ein Jugendlicher setzt sich zum ersten Mal ans Schlagzeug. Nach wenigen Minuten entsteht ein richtig guter Groove.
Er selbst staunt.
Vielleicht ist da für einen Moment Freude, Überraschung oder Stolz.
Und fast automatisch fällt der nächste Satz:
„Dann musst du unbedingt Unterricht nehmen!“
Wenn aus einer Erfahrung eine Erwartung wird
Aus einer schönen Erfahrung wird plötzlich eine Aufgabe.
Aus einer entdeckten Fähigkeit wird eine Verpflichtung.
Aus einem unerwarteten Moment wird ein mögliches neues Projekt.
Viele Jugendliche kennen dieses Muster:
Wer etwas gut kann, soll es ausbauen.
Üben.
Dranbleiben.
Etwas daraus machen.
Die Fähigkeit soll gefördert, präsentiert oder möglichst sinnvoll genutzt werden.
Das ist häufig gut gemeint. Aber eine Ressource kann sich dadurch erstaunlich schnell in eine weitere Anforderung verwandeln.
Der Ressourcenfluch
Ich denke dabei manchmal an einen „Ressourcenfluch“.
Gemeint ist der Moment, in dem eine Stärke nicht mehr nur entdeckt werden darf, sondern sofort eine Erwartung erzeugt.
Jetzt, da du weißt, dass du es kannst, solltest du es auch tun.
Jetzt darfst du nicht mehr aufgeben.
Jetzt musst du etwas daraus machen.
Gerade Jugendliche, die unter Depressionen, Ängsten, Erschöpfung oder starkem Perfektionismus leiden, können solche Momente als zusätzlichen Druck erleben.
Die Erfahrung lautet dann nicht mehr:
„Ich habe etwas Überraschendes an mir entdeckt.“
Sondern:
„Jetzt gibt es noch etwas, bei dem ich Erwartungen enttäuschen kann.“
Lob, das eigentlich stärken sollte, kann sich auf diese Weise wie eine neue Verpflichtung anfühlen.
Die kleine unsichtbare Tasche
In der Musiktherapie sage ich deshalb häufig etwas anderes:
„Pack das einfach in deine kleine unsichtbare Tasche.“
Dort kommen all die Dinge hinein, von denen man vorher gar nicht wusste, dass man sie kann.
Ein Rhythmus, der plötzlich trägt.
Eine Melodie, die berührt.
Der Mut, laut zu werden.
Die Fähigkeit, einer anderen Person musikalisch Raum zu lassen.
Eine Idee, die aus dem Nichts auftaucht.
Und dann sage ich noch etwas:
„Das verpflichtet dich zu nichts.“
Du musst jetzt kein Schlagzeug kaufen.
Du musst keinen Unterricht nehmen.
Du musst niemandem etwas vorspielen.
Du musst nicht weiterüben.
Und du musst daraus keine neue Rolle machen.
Es reicht völlig zu wissen:
„Interessant … das steckt also auch in mir.“
Ressourcen dürfen ungenutzt bleiben
Vielleicht liegen in dieser kleinen Tasche noch viele weitere Fähigkeiten.
Dinge, die noch keinen Namen haben.
Möglichkeiten, auf die der junge Mensch zurückgreifen kann – aber nicht muss.
Sie müssen niemandem etwas beweisen.
Sie müssen nicht sichtbar werden.
Sie dürfen einfach der Person gehören, die sie entdeckt hat.
Das unterscheidet eine Ressource möglicherweise von einer Erwartung:
Eine Erwartung fordert etwas ein.
Eine Ressource stellt etwas zur Verfügung.
Vorsichtig mit dem nächsten Schritt
Wenn etwas Unerwartetes gelingt, könnten wir deshalb einen Moment warten, bevor wir die nächste Entwicklung anstoßen.
Statt:
„Das solltest du unbedingt weitermachen“,
könnten wir sagen:
- „Wie war das gerade für dich?“
- „Hat dich etwas daran überrascht?“
- „Möchtest du es noch einmal versuchen oder reicht es für heute?“
- „Soll das jemand erfahren oder bleibt es erst einmal hier?“
- „Musst du daraus überhaupt etwas machen?“
- „Darf diese Fähigkeit einfach in deine unsichtbare Tasche?“
So bleibt die Deutungshoheit beim jungen Menschen.
Das Recht, unterschätzt zu werden
Manchmal ist es sogar ein ziemlich gutes Gefühl, unterschätzt zu werden.
Nicht jede Fähigkeit muss vorgezeigt werden.
Nicht jedes Talent muss sichtbar sein.
Nicht jede Möglichkeit muss ausgeschöpft werden.
Vielleicht ist eine Ressource erst dann wirklich geschützt, wenn sie auch das Recht hat, ungenutzt zu bleiben.
Und vielleicht kann sie gerade deshalb irgendwann freiwillig wieder hervorgeholt werden.
