Praxisimpuls · Instrumentenkarten · Kontaktaufnahme
Wenn Worte fehlen: Wie Musik etwas in Bewegung bringt
Wenn Fragen nicht weiterführen, kann Musik einen Zwischenraum schaffen, in dem zunächst keine Erklärung nötig ist. Manchmal beginnt Kontakt mit einem Blick, einem Kopfnicken oder einem Klang, der irgendwie passt.
Du sitzt im Raum.
Ein Jugendlicher sitzt dir gegenüber.
Vielleicht schaut er auf sein Handy.
Vielleicht sagt er „Keine Ahnung“.
Vielleicht sagt er gar nichts.
Und du spürst:
Hier ist etwas.
Aber es kommt nicht in Worte.
Viele Kolleg:Innen kennen diesen Moment. Und häufig entsteht daraus eine stille Frage:
Was mache ich jetzt eigentlich?
Noch mehr fragen?
Genauer nachhaken?
Geduldiger warten?
Oder etwas ganz anderes tun?
Wenn Sprache nicht reicht
Jugendliche sind nicht sprachlos.
Aber sie sind häufig vorsichtig mit Sprache.
Worte können festlegen.
Sie können angreifbar machen.
Und sie können Dinge plötzlich sehr real werden lassen.
Gerade in der Psychotherapie wird Sprache schnell zu etwas, das verstanden, eingeordnet oder erklärt werden soll.
Das kann zu viel sein.
Dann geschieht manchmal etwas Paradoxes:
Je stärker wir versuchen, ein Erleben in Worte zu bringen, desto weiter zieht es sich zurück.
Ein kleines inneres Orchester
Auf dem Tisch liegen Karten mit verschiedenen Instrumenten.
Wir legen sie im Kreis aus und lassen eine Flasche entscheiden, welches Instrument als Nächstes erklingt.
Der Zufall wählt.
Vielleicht das Glockenspiel.
Vielleicht die E-Gitarre.
Vielleicht eine Trommel oder ein Instrument, das der Jugendliche selbst niemals ausgesucht hätte.
Ich spiele das ausgewählte Instrument kurz an. Danach wird erneut gedreht.
Der Jugendliche muss nichts erklären und zunächst auch nicht selbst spielen. Er kann zuhören, beobachten und reagieren.
Am Ende bitte ich ihn, diejenigen Karten auszuwählen, deren Klänge ihm am besten „gepasst“ haben.
Er legt einige Instrumente vor sich.
Ich schaue darauf und sage:
„Oha, ein kleines inneres Orchester.“
Er grinst.
„Ein großes!“
Mehr muss in diesem Moment nicht gesagt werden.
Ein anderer Zugang
Musik kann in solchen Situationen etwas ermöglichen, das ein Gespräch gerade nicht schafft.
Sie stellt zunächst keine Frage.
Sie verlangt keine Erklärung.
Sie ist einfach da.
Ein Klang.
Ein Beat.
Ein kurzer Moment von:
„Das fühlt sich irgendwie passend an.“
Und plötzlich geschieht etwas sehr Kleines, aber Entscheidendes:
Der Jugendliche reagiert.
Vielleicht nur mit einem Blick.
Vielleicht mit einem „geht so“.
Vielleicht mit einem minimalen Kopfnicken.
Vielleicht mit einer Korrektur:
„Die Gitarre war besser.“
Aber da ist Bewegung.
Ein möglicher Ablauf
Benötigt werden einige Instrumentenkarten und die entsprechenden Instrumente im Raum.
- Die Karten werden sichtbar im Kreis ausgelegt.
- Eine Flasche oder ein anderer Zufallsmechanismus wählt eine Karte aus.
- Die therapeutische Fachkraft spielt das Instrument kurz an.
- Danach wird ohne Auswertung weitergedreht.
- Am Ende wählt der Jugendliche die Klänge aus, die besonders passend, interessant oder unangenehm waren.
- Er entscheidet selbst, ob er dazu etwas sagen möchte.
Die Karten können anschließend sortiert werden:
- passt zu mir,
- passt heute nicht,
- interessant,
- lieber auf Abstand,
- müsste lauter sein,
- soll noch einmal erklingen.
Auch eigene Kategorien können entstehen.
Kein Trick, um Worte zu produzieren
Dieser Impuls ist keine Methode, um einen Jugendlichen heimlich doch zum Reden zu bringen.
Musik soll das Gespräch nicht erzwingen.
Es geht um einen Perspektivwechsel.
Weg von:
„Wie bringe ich den Jugendlichen zum Reden?“
Hin zu:
„Wie kann etwas entstehen, das überhaupt erst einen Zugang ermöglicht?“
Musik ist dabei nicht das Ziel.
Sie wird zu einem Zwischenraum, in dem etwas auftauchen darf, ohne sofort benannt werden zu müssen.
Wenn später doch Worte entstehen
Interessanterweise entstehen Worte manchmal genau dann, wenn sie nicht mehr eingefordert werden.
Wenn nichts „herauskommen“ muss.
Wenn nichts sofort bewertet wird.
Wenn ein Blick, eine Auswahl oder eine musikalische Reaktion zunächst ausreichen darf.
Vielleicht kommen die Worte erst am Ende der Stunde.
Beim Einpacken.
Oder beim Hinausgehen.
Leise, ungeplant und manchmal überraschend klar.
Und manchmal kommen sie nicht.
Auch dann kann etwas stattgefunden haben.
Ein Gedanke zum Schluss
Vielleicht geht es in der Arbeit mit Jugendlichen weniger darum, immer die richtige Frage zu finden.
Vielleicht geht es zunächst darum, einen Raum zu schaffen, in dem überhaupt etwas entstehen kann.
Musik kann genau so ein Raum sein.
