Denkimpuls · Scham · Spielerische Inszenierung

„Das ist doch peinlich!“

Manche musiktherapeutischen Übungen sind tatsächlich peinlich. Humor und bewusste Übertreibung können einen Rahmen schaffen, in dem Jugendliche etwas ausprobieren dürfen, ohne sich dabei allzu ernst nehmen zu müssen.

„Das ist doch peinlich!“

Ein Satz, den man in der Musiktherapie mit Jugendlichen durchaus ernst nehmen sollte.

Denn manches, was wir vorschlagen, ist tatsächlich peinlich.

Mit 15 einen „Gefühlsklang“ spielen.

Die Augen schließen und einem Ton nachspüren.

Plötzlich laut, wütend oder zart werden.

Sich auf etwas Ungewohntes einlassen, während ein Erwachsener daneben sitzt und aufmerksam zuschaut.

Manchmal ist nicht der Widerstand das Problem.

Manchmal ist die Situation einfach wirklich ziemlich unangenehm.

Peinlichkeit nicht wegargumentieren

Es hilft wenig zu sagen:

„Das muss dir doch nicht peinlich sein.“

Denn damit verschwindet die Peinlichkeit meistens nicht. Im ungünstigsten Fall kommt noch das Gefühl hinzu, mit der eigenen Reaktion falsch zu liegen.

Der Jugendliche weiß sehr genau, dass er beobachtet wird.

Er weiß, dass etwas von ihm sichtbar werden könnte.

Und er weiß, dass eine improvisierte musikalische Handlung nicht einfach zurückgenommen werden kann, sobald sie im Raum erklungen ist.

Mein Ziel ist deshalb nicht immer, Peinlichkeit vollständig zu vermeiden.

Manchmal mache ich sie sogar ein kleines bisschen größer.

Der Crazyness-Faktor

Ich kündige eine Übung als möglicherweise vollkommen bescheuerte Idee an.

Ich übertreibe eine Rolle.

Ich gebe einem kleinen Versuch einen absurd wichtigen Namen.

Oder ich mache mich selbst zuerst ein wenig zum Affen.

In meinem Buch nenne ich das den „Crazyness-Faktor“.

Vielleicht muss man eine peinliche therapeutische Situation gar nicht weniger peinlich machen.

Vielleicht muss man sie ein kleines bisschen peinlicher machen – so offensichtlich übertrieben, dass niemand mehr ernsthaft darin versagen kann.

Aus einer vermeintlichen Ausdrucksübung wird dann beispielsweise:

„Die internationale Meisterschaft im dramatischsten Beckenschlag.“

Oder:

„Der streng geheime Test des völlig nutzlosen Donner-Instituts.“

Die Aufgabe bleibt vielleicht ähnlich. Aber der Rahmen verändert sich.

Eine Rolle darf etwas wagen

Dahinter steckt eine ernsthafte therapeutische Idee:

Humor, Übertreibung und spielerische Inszenierung können Scham entschärfen.

Der Jugendliche muss nicht plötzlich mutig, ausdrucksstark oder „ganz bei sich“ sein.

Er darf sagen:

„Ich spiele ja nur den Donner-Gott.“

Und dann darf dieser Donner-Gott vielleicht etwas tun, was der schüchterne 15-Jährige niemals unmittelbar von sich verlangt hätte.

Eine Rolle schafft Abstand.

Nicht ich bin laut.

Die Figur ist laut.

Nicht ich will Aufmerksamkeit.

Der internationale Beckenschlag-Champion muss nun einmal auftreten.

Über diesen spielerischen Umweg kann etwas möglich werden, ohne sofort als persönliche Selbstoffenbarung erlebt zu werden.

Gemeinsam albern – nicht auf Kosten des Jugendlichen

Humor ist allerdings nicht automatisch hilfreich.

Er kann auch beschämen, verharmlosen oder den Eindruck erwecken, dass eine therapeutische Fachkraft das Erleben des Jugendlichen nicht ernst nimmt.

Entscheidend ist deshalb:

Lachen wir gemeinsam?

Oder wird über den Jugendlichen gelacht?

Eröffnet die Übertreibung einen Spielraum?

Oder erhöht sie den Druck?

Darf der Jugendliche die Idee ablehnen?

Oder wird sein Nein durch den Humor übergangen?

Der Crazyness-Faktor ist keine Methode, um Widerstand auszutricksen.

Er ist ein Angebot, die Situation weniger feierlich und dadurch vielleicht etwas sicherer zu machen.

Mögliche Einstiege

  • „Ich hätte eine Idee, die möglicherweise ziemlich bescheuert ist.“
  • „Wir können das ernst machen oder vollkommen übertreiben.“
  • „Möchtest du selbst spielen oder soll ich mich zuerst blamieren?“
  • „Wie könnten wir die peinlichste Version dieser Aufgabe erfinden?“
  • „Braucht die Übung einen absurd wichtigen Namen?“
  • „Welche Rolle könnte das übernehmen, damit du es nicht persönlich sein musst?“
  • „Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie peinlich wäre das?“

Auch eine Bewertung der Peinlichkeit kann bereits entlastend sein. Sie macht das Unbehagen besprechbar, ohne es beseitigen zu müssen.

Nicht immer eine kleinere Herausforderung

Manchmal braucht es keine kleinere Herausforderung.

Sondern einen Rahmen, in dem man sich beim Ausprobieren nicht ganz so wichtig nehmen muss.

Einen Rahmen, in dem Scheitern bereits eingeplant ist.

In dem Übertreibung erlaubt ist.

In dem ein Nein weiterhin möglich bleibt.

Und in dem niemand beweisen muss, besonders mutig, musikalisch oder authentisch zu sein.

Wenn es albern sein darf, darf es manchmal auch schön sein.

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