Denkimpuls · Sehnsucht · nonverbaler Ausdruck
Das Lieblingsinstrument ist selten ein Zufall
Jugendliche wählen häufig nicht das Instrument, das sie am besten beherrschen, sondern eines, das ihnen etwas ermöglicht, sie schützt oder etwas von dem verkörpert, wonach sie sich sehnen.
Manche Jugendliche steuern im Musikraum immer wieder auf dasselbe Instrument zu.
Nicht unbedingt, weil sie es besonders gut spielen können.
Vielleicht vielmehr, weil dort etwas von ihnen wohnt.
Der Junge, der immer die größte Trommel sucht.
Das Mädchen, das sich hinter dem Klavier fast unsichtbar macht.
Der Jugendliche, der jedes Instrument kurz ausprobiert, aber nirgendwo lange bleibt.
Mit der Zeit fällt auf: Manche dieser Entscheidungen sind erstaunlich konstant.
Instrumente sind mehr als Klangquellen
Ein Instrument erzeugt nicht nur einen bestimmten Klang. Es eröffnet auch eine bestimmte Form des Handelns und Erlebens.
Es erlaubt etwas.
Es schützt etwas.
Es vergrößert etwas.
Es hält etwas auf Abstand.
Vielleicht übernimmt es sogar vorübergehend eine Aufgabe, für die noch keine Worte zur Verfügung stehen.
Eine Trommel kann Kraft verleihen.
Das Klavier kann Abstand schaffen und zugleich den Raum füllen.
Die Kalimba kann Zartheit hörbar machen, ohne dass jemand über Zartheit sprechen muss.
Der Gong darf lange nachklingen, wenn ein junger Mensch selbst kaum noch Resonanz spürt.
Eine E-Gitarre kann Präsenz ermöglichen.
Ein kleines, leises Instrument kann einen geschützten Ort schaffen, der nicht sofort von anderen besetzt wird.
Ein Magnetfeld der Sehnsucht
In meinem Buch beschreibe ich diesen Gedanken mit dem Bild:
„Das Instrument ist ein Magnetfeld der Sehnsucht.“
Jugendliche wählen häufig nicht das Instrument, das sie am besten beherrschen.
Sie wählen möglicherweise eines, das etwas verkörpert, wonach sie sich sehnen.
Kraft.
Sichtbarkeit.
Schutz.
Kontrolle.
Zartheit.
Ausdauer.
Resonanz.
Oder die Freiheit, sich noch nicht festlegen zu müssen.
Die Wahl des Instruments kann so bereits eine Antwort sein – lange bevor die passende Frage überhaupt formuliert werden kann.
Nicht die therapeutische Fachkraft stellt zuerst eine besonders kluge Frage und erhält darauf eine Antwort. Manchmal ist das Verhalten des Jugendlichen längst eine Antwort, die gemeinsam erst nach und nach verstanden werden kann.
Keine feste Übersetzungstabelle
Dabei wäre es zu einfach, jedem Instrument eine eindeutige psychologische Bedeutung zuzuordnen.
Die Trommel bedeutet nicht automatisch Aggression.
Das Klavier bedeutet nicht automatisch Rückzug.
Ein leises Instrument steht nicht zwangsläufig für Unsicherheit.
Dasselbe Instrument kann für unterschiedliche Jugendliche etwas völlig anderes ermöglichen. Seine Bedeutung entsteht aus der konkreten Situation, der Spielweise, der Beziehung und der persönlichen Geschichte.
Die Instrumentenwahl ist deshalb keine Diagnose.
Sie ist eine Einladung zur Aufmerksamkeit.
Fragen für die Praxis
- Welches Instrument wird zuerst angesteuert?
- Gibt es Instrumente, die konsequent vermieden werden?
- Wird ein Instrument vorsichtig erkundet oder unmittelbar in Besitz genommen?
- Soll ich mitspielen, zuhören oder Abstand halten?
- Wie reagiert der junge Mensch, wenn jemand anderes dasselbe Instrument verwendet?
- Bleibt die Wahl über längere Zeit stabil?
- Verändert sich die Spielweise, obwohl das Instrument gleich bleibt?
- Welche Möglichkeiten bietet gerade dieses Instrument, die andere nicht bieten?
Manchmal kann auch eine offene Frage hilfreich sein:
„Was kann dieses Instrument, was die anderen nicht können?“
Die Antwort muss nicht sprachlich erfolgen. Vielleicht wird sie einfach noch einmal gespielt.
Eine Wahl, bevor Worte verfügbar sind
Vielleicht ist genau das eine der besonderen Möglichkeiten der Musiktherapie:
Jugendliche wählen ihre Instrumente manchmal so, wie sie ihre Worte wählen würden – wenn sie sie schon hätten.
Das Instrument spricht dabei nicht an ihrer Stelle.
Aber es stellt eine Möglichkeit bereit, etwas von sich zu zeigen, zu erproben oder für einen Moment zu werden.
Und manchmal beginnt Verstehen damit, diese Wahl zunächst ernst zu nehmen.
