Praxisimpuls · Instrumente · Spielerische Begegnung
Ein Raum voller Instrumente – und keiner weiß, was tun?
Ein Raum voller Instrumente eröffnet viele Möglichkeiten – und kann zugleich verunsichern. Manchmal braucht es weder eine ausgefeilte Übung noch ein musikalisches Ziel, sondern nur eine ungewöhnliche Idee, aus der Begegnung entstehen kann.
Ein Raum voller Instrumente – und keiner weiß, was tun?
Du betrittst den Raum.
Trommeln. Klangschalen. Rasseln. Vielleicht ein Klavier in der Ecke.
Ein Raum voller Möglichkeiten.
Und gleichzeitig diese leise Unsicherheit:
Was mache ich jetzt eigentlich damit?
Das unausgesprochene Problem
Viele Kolleg kennen diesen Moment. Nicht, weil ihnen grundsätzlich die Ideen fehlen. Sondern weil sie spüren:
Es reicht nicht, einfach irgendein Instrument anzubieten.
Ein Instrument im Raum ist noch keine Therapie. Ein Klang allein noch keine Intervention.
Oft geschieht dann eines von zwei Dingen: Entweder wird ein wenig Musik gemacht, ohne dass sich daraus eine Richtung entwickelt. Oder das Gespräch geht weiter und die Instrumente bleiben unberührt.
Beides kann richtig sein. Manchmal fühlt sich aber auch beides nicht ganz stimmig an.
Zwischen Instrument und Bedeutung
Vielleicht liegt die Schwierigkeit weniger darin, was wir mit einem Instrument machen.
Entscheidender ist manchmal, wie wir es betrachten.
Ein Instrument ist nicht nur eine Klangquelle. Es kann zu einem Gegenüber werden, zu einem Ausdruck oder zu einem Stellvertreter für etwas Inneres.
Manchmal ist es auch einfach ein Gegenstand, der neugierig macht und einen ersten gemeinsamen Moment ermöglicht.
Klänge in eine Trommel füllen
Ein Jugendlicher sitzt mir gegenüber.
Unruhig. Abwehrend. Aber auch ein wenig grinsend.
Zwischen uns steht zufällig eine Trommel. Ein Regenmacher liegt in Reichweite.
Ich erkläre nichts und gebe keine musikalische Aufgabe. Stattdessen drehe ich die Trommel um, sodass ihre Öffnung nach oben zeigt. Dann lasse ich den Klang des Regenmachers in die Trommel „hineinfließen“.
Der Jugendliche schaut kurz zu. Er zögert, nimmt schließlich eine Rassel und macht es mir nach.
Nach und nach füllen wir das Trommelgefäß mit immer neuen Klängen.
Nicht rhythmisch. Nicht besonders schön. Eigentlich nicht einmal im klassischen Sinn musikalisch.
Als die Trommel voll zu sein scheint, sage ich:
„Voll bis obenhin!“
Dann richte ich ihre Öffnung auf ihn.
Er betrachtet sie und sagt:
„Sieht so ’n bisschen aus wie ’ne Kanone.“
Und genau dort beginnt der Spaß.
Wenn sich die Bedeutung verändert
Die Trommel ist plötzlich keine Trommel mehr. Sie ist ein Gefäß, ein Klangspeicher und schließlich eine Kanone.
Die Instrumente bekommen neue Aufgaben. Wir laden die Kanone, zielen, entschärfen sie vielleicht wieder oder erfinden völlig neue Regeln.
Was daraus entsteht, war vorher nicht geplant.
Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Das Instrument erhält seine Bedeutung nicht allein durch die therapeutische Idee. Bedeutung entsteht gemeinsam – aus dem Material, der Situation und der Reaktion des Jugendlichen.
Sein Satz verändert das Spiel. Meine Aufgabe besteht nicht darin, ihn zu einer vorgesehenen Übung zurückzuführen. Ich kann seine Idee aufnehmen und schauen, wohin sie uns führt.
Es geht nicht um „gute“ Musik
In solchen Momenten geht es nicht darum, ein Instrument richtig zu spielen, etwas Schönes zu erzeugen oder musikalisch etwas zu leisten.
Es geht darum, dass zwischen zwei Menschen etwas entsteht, das vorher noch nicht da war:
eine gemeinsame Idee, ein kurzer Moment von Überraschung, ein Spiel oder vielleicht einfach Kontakt.
Die Instrumente stellen dafür Material zur Verfügung. Was daraus wird, muss nicht von Anfang an feststehen.
Fragen für die therapeutische Praxis
Wenn ein Raum voller Instrumente eher Unsicherheit als Inspiration auslöst, können einige einfache Fragen helfen:
- Welcher Gegenstand zieht gerade die Aufmerksamkeit auf sich?
- Was könnte man mit ihm tun, außer ihn „richtig“ zu spielen?
- Welche spontane Idee des Jugendlichen lässt sich aufnehmen?
- Muss daraus überhaupt Musik entstehen?
- Kann ich einen Anfang anbieten, ohne den weiteren Verlauf festzulegen?
Ein Gedanke zum Schluss
Vielleicht ist ein Raum voller Instrumente nicht bloß eine Sammlung musikalischer Möglichkeiten.
Er ist eine Einladung.
Nicht unbedingt zum Musizieren, sondern zum Entdecken, Verwandeln und Begegnen.
Und manchmal genügt dafür eine ungewöhnliche Idee – und die Bereitschaft, sich vom Jugendlichen zeigen zu lassen, was daraus werden kann.
Mehr über den gezielten Einsatz von Instrumenten, über Inszenierung, Symbolik und konkrete Zugänge beschreibe ich in meinem Buch „Die Kraft der Musik in der Jugendlichenpsychotherapie“.
