5–10 Min. · Orientierung · Kontaktaufnahme
„Mach du mal!“ – und warum das kein Widerstand sein muss
„Mach du halt“ kann wie Verweigerung klingen. Manchmal braucht ein Jugendlicher in diesem Moment jedoch keine weitere Entscheidungsfrage, sondern einen überschaubaren Anfang, auf den er reagieren kann.
„Mach du halt.“
Dieser Satz fällt in der Musiktherapie mit Jugendlichen ziemlich häufig.
Zunächst klingt er nach Verweigerung. Aber manchmal ist er etwas anderes:
Ein Test.
Ein Schutz.
Oder eine Bitte um Orientierung.
Wenn Freiheit überfordert
Eine naheliegende Antwort lautet:
„Nein, du musst entscheiden.“
Schließlich möchten wir Autonomie fördern. Trotzdem kann genau das die Situation schwieriger machen.
Denn der Jugendliche braucht in diesem Moment vielleicht keine weitere Entscheidung, sondern einen überschaubaren Anfang.
„Mach etwas mit Musik“ enthält viele offene Fragen: Welches Instrument? Wie laut? Wie lange? Allein oder gemeinsam? Und kann man dabei etwas falsch machen?
Freiheit kann sich dann ziemlich unübersichtlich anfühlen.
Einen Anfang anbieten
Manchmal mache ich deshalb genau das, worum ich gebeten wurde.
Ich beginne mit einem einfachen Rhythmus, einem Klang oder einer kleinen musikalischen Idee.
Nicht perfekt und nicht spektakulär. Nur konkret genug, um darauf reagieren zu können.
Der Jugendliche beobachtet.
Bewertet.
Vielleicht sagt er:
„Nee, so nicht.“
Und genau da sind wir bereits im Kontakt.
Denn auch Ablehnung ist Beteiligung. „So nicht“ enthält bereits eine Vorstellung davon, wie es anders sein könnte.
Führung und Autonomie
Therapeutische Führung muss Autonomie nicht verhindern.
Ich kann einen Anfang anbieten, ohne festzulegen, wie es weitergehen soll. Entscheidend ist, dass mein Vorschlag veränderbar, unterbrechbar und kritisierbar bleibt.
Die Botschaft lautet nicht:
„Ich zeige dir, wie es geht.“
Sondern:
„Ich stelle etwas in den Raum. Du darfst entscheiden, was damit geschieht.“
Zum Ausprobieren
Wenn ein Jugendlicher sagt: „Mach du halt“:
Nimm den Satz einmal wörtlich.
Starte etwas Kleines und achte darauf, was danach passiert.
Mögliche Anschlussfragen sind:
- „Soll es so bleiben oder anders werden?“
- „Was stört dich daran?“
- „Soll ich weitermachen oder aufhören?“
- „Möchtest du etwas verändern, ohne selbst mitzuspielen?“
Natürlich kann „Mach du halt“ auch schlicht bedeuten:
„Ich will nicht.“
Dieses Nein sollte nicht musikalisch übergangen werden.
Aber manchmal steckt darin auch die Bitte:
„Übernimm du kurz das Risiko und gib mir etwas, worauf ich reagieren kann.“
Autonomie beginnt nicht immer damit, dass ein Jugendlicher sofort alles selbst entscheidet.
Manchmal beginnt sie damit, dass er einen angebotenen Anfang verändern darf.
